The lost girl aesthetic

Es ist der Tag nach der dreiundzwanzigsten Frostnacht in Folge. Draußen treibt der Wind längst gefallenen Schnee über die Felder und auf die Straßen. Hier in der Kirche steht die Kälte und schiebt ihre eisigen Finger langsam unter die Kleider, durch das Fleisch bis in die Knochen. Das Weihwasser ist eingefroren. Ich überlege, ob ich vielleicht daran lecken sollte wie an einem heiligen Gelato, statt das Kreuz damit zu schlagen.
Pfarrer Simon stottert sich quälend langsam durch die Predigt. Ihm zuzuhören ist die wahre Buße. Meine Mutter hängt dennoch an seinen Lippen. Ich glaube, sie hat nur angefangen, in die Messe zu gehen, weil sie gehört hat, dass es dort Wein gibt. Warum wir immer noch kommen, obwohl wir schon beim ersten Besuch festgestellt haben, dass es eigentlich nur Traubensaft ist, weiß ich nicht. Ich rutsche auf der kalten Bank herum und frage mich, warum ich eigentlich für die Sünden meiner Mutter mitbezahle.

Und offensichtlich auch für die Sünden meiner Großmutter, denke ich wenig später, als ich ihr die Zigarette aus den gekrümmten Fingern nehme, sie in dem hässlich-bunten Keramikaschenbecher ausdrücke und die Schläuche ihres Sauerstoffgeräts wieder in Position bringe. „Schlampe“, sagt sie mit ihrer verbrauchten, kratzigen Stimme. Ich ziehe die nikotinfleckigen Gardinen auf, um etwas Licht in diesen Raum voller Eiche rustikal und Rauchschwaden zu lassen. Der Wind zieht durch die Ritzen und meine Großmutter flucht knarzend.
In der Küche sitzt meine Mutter auf den durchfallbraunen Fliesen und hat sich bereits halb durch die erste Flasche Rotwein gearbeitet. „Prost“, sage ich und entsorge Asche und Kippen im Mülleimer.

Ich fische Tiefkühlpizza aus dem Backofen. Im Wohnzimmer läuft ein „Tatort“. Meine Mutter und meine Großmutter interessieren sich allerdings mehr für die Bierflaschen auf dem Resopaltisch mit der vergilbten Häkeltischdecke. Leer und halbleer. Beide sprechen, aber nicht miteinander. Zwei Kommissare, die so vergilbt sind, dass sie perfekt in unser Wohnzimmer passen würden, lösen einen Fall, der so realistisch ist wie ein Familienidyll in diesem Haus, in dem die Uhren vor 50 Jahren stehen geblieben sind. „Sie haben die Frau getötet“, sagt ein Kommissar in die Kamera. Ich stelle Pizza auf den Tisch und flüchte vor dem Zigarettenrauch. „Schlampe“, krächzt meine Großmutter mir nach.
Im Bad ist es fast so kalt wie in der Kirche, nur feuchter. Ich sitze auf dem kuhfladengrünen Klo und scrolle durch Instagram. Perfekte Leben. Perfekte Ästhetik. Die Lösung all deiner Probleme in einem Pulver für nur 39,95 Euro, für euch, meine treuen Follower. Teurer als drei Ave Maria. Einfacher als drei Ave Maria. Jesús, der schlaue Geschäftsmann aus Venezuela mit dem perfekten Body und dem perfekten Lächeln. Jeder weiß, dass Insta nicht real ist. Jeder will, dass Insta real ist. Das eigene Real. Alle deine Probleme gelöst.

Schule ist mein Real. Picklige Versager, die jede Gelegenheit nutzen, dir dein eigenes Versagen vor Augen zu führen. Die ihren Feed als Gegenbeweis für ihr eigenes Versagen anführen. 
Vor Frau Schmidt-Langerhoff hat dieser Beweis keinerlei Bedeutung. Vor Frau Schmidt-Langerhoff sind wir alle Versager. Keiner kann ihre Aufgaben lösen. Dabei ist Trigonometrie die Lösung aller Probleme. Der Weg raus aus diesem Real. Sagt Frau Schmidt-Langhoff. Also, sinngemäß. Wenn wir nur endlich unfallfrei alle Winkel imaginärer Dreiecke berechnen könnten – der Erfolg wäre praktisch garantiert. Picklige Versager lachen über TikToks und Snaps. Ich male Nippel an Sinuskurven. 

Zu Hause wartet die Feuerwehr, meine Großmutter hat endlich mit der Kippe das Sauerstoffgerät angezündet. Ich könne nicht ins Haus, heißt es, alles sei verraucht. Ich kann nicht so richtig einen Unterschied zu vorher erkennen. Die Großmutter sei im Krankenhaus, heißt es, es sehe nicht gut aus. Ich kann nicht so richtig einen Unterschied zu vorher erkennen.
Es sind immer noch minus acht Grad und es schneit ziemlich feucht. Ich frage mich, wo ich jetzt wohl bitte hinsoll. 

Ich sitze in Steffis Zimmer. Sie hat ein eigenes Sofa und gerahmte Poster an den Wänden. Wir starren auf unsere Handys, rein in andere Reals. Wir haben schon seit Stunden kein Wort zueinander gesagt. Manchmal schielt sie auf meinen fettigen Haaransatz. Sie hat Extensions und gemachte Nägel. Ich kaue auf meinen. Sie trägt Markenkleidung, die auch im Schneetreiben den Bauchnabel blitzen lässt. Ich trage seit drei Tagen denselben Pulli. Ihr Leben ist Insta. Meins ist Versagen. Früher waren wir Freundinnen. Jetzt folgen wir uns auf Social Media. Ich fitte aber schon lange nicht mehr in ihre Aesthetic. Ich fitte in gar keine Aesthetic. 
Am nächsten Tag erzählt sie in der Schule, ich sei jetzt obdachlos und habe die Krätze. Flöhe hat sie auch gesehen. Sagt sie. Wenn Steffi das sagt, muss es ja stimmen. Steffi hat 135.000 Follower. Was sie sagt, stimmt. Irgendwann wird sie glitzerndes Pulver für 59,99 Euro verkaufen, die Lösung all eurer Probleme. Scheiß auf Trigonometrie. Es glitzert!

Es sind minus vier Grad und es schneit schon wieder. Trockener Pulverschnee wird vom Wind über die Eisplacken getrieben, die sich überall gebildet haben. Ich bin mit dem Bus bis zur Endstation gefahren und vom Busfahrer bepöbelt worden. Ich bin wieder zurück in die Stadt gefahren. Zweimal vorbei an unserem leeren Haus. Verkohltes Gerümpel aus dem letzten Jahrtausend steht im Vorgarten. Meine Mutter hat aus dem Krankenhaus geschrieben, der Großmutter geht es besser, ob ich ihr eine Flasche Merlot mitbringen kann.

Ich laufe durch das Einkaufszentrum, in dem ich mir sowieso nichts kaufen kann. Nicht, dass man in dieser Provinz-Zeile irgendetwas Sinnvolles kaufen könnte. Wie ein WLAN-Vampir hocke ich auf einem hölzernen Nilpferd in der verlassenen, viel zu bunten Kinderspielecke und scrolle durch Instagram. Ich mache Herzchen an Videos mit Katzenbabys und dünnen Mädchen an Stränden, um meinen Algorithmus an Steffi, ihrer Aesthetic und den pickligen Versagern vorbeizulotsen. Ich habe 87 ungelesene Nachrichten. In allen geht es um meine Flöhe und darum, wie abartig ich bin. Abartig ist meine Aesthetic. 
Ich frage meine Mutter, wo sie eigentlich übernachtet und frage mich, ob sie mich das nicht eigentlich hätte zuerst fragen sollen. Sie fragt es gar nicht. „Bei Pfarrer Simon“, schreibt sie. Nächstenlieb, denke ich und ob er weiß, was er sich da eingebrockt hat.

Als das Licht über mir ausgeht, stelle ich fest, dass es schon nach neun ist. Man hat mich übersehen. Ich greife nach meinem Rucksack, um zum Ausgang zu sprinten, dann überlege ich es mir anders. Hier ist es warm. Draußen sind es minus sechs Grad und es hat nicht aufgehört, zu schneien. Ich lege mich auf den kratzigen Plastikteppich neben dem Nilpferd, der Rucksack ist mein Kopfkissen, die muffige Jacke meine Decke. Ich bin obdachlos und habe zwar keine Flöhe, aber hier fange ich mir wahrscheinlich Läuse.
Um halb sieben geht das Licht an. Meine Mutter schreibt, dass wir wieder ins Haus können. „Es müsste nur geputzt werden“, schreibt sie und meint: „Du musst putzen.“ Als ich nach Hause komme, hat sie schon ihren Dialog mit dem Merlot wieder aufgenommen. „Keine Schule heute?“, fragt sie und ich wundere mich über diesen Ausbruch von Interesse an meinem Leben. Eine Antwort erwartet sie allerdings nicht. Es riecht verbrannt, aber meine Mutter arbeitet bereits daran, den ursprünglichen Zigarettenmuff wiederherzustellen. 

Ich liege im Bett und warte, bis der Tag endlich aufhört. Die Woche. Der Monat. Das Jahr. Das Leben. Das ist mein Real und die Aesthetic ist lost.
Am Samstag stehe ich auf. Es ist schon dunkel und es hat endlich aufgehört zu schneien. Es riecht wieder verbrannt. Anders verbrannt. Ich höre Dinge zerbrechen. Also stehe ich auf. Meine Mutter sitzt auf den durchfallbraunen Fliesen in der Küche und heult. Auf dem Boden liegen Scherben und ein verkohltes Stück… Kohle. Meine Mutter hat zu Korn gegriffen. 
Sie heult und ich backe einen neuen Kuchen. Sie schluchzt sentimental, was sie nur ohne mich täte. Jedenfalls nicht backen, denke ich, wobei sie noch nie für mich gebacken hat. Das Stück Kohle auf dem Fußboden war für Pfarrer Simon gedacht und mein Kuchen wird auch für ihn sein. Ich löse alle ihre Probleme.
„Ich muss mich ja bei ihm bedanken“, sagt sie und es klingt, als bräuchte er für diese Begegnung keine Hose.

Am Sonntagmorgen sind wir dir ersten in der Kirche. Meine Mutter trägt meinen Kuchen vor sich her und strahlt. Sie ist sehr stolz auf sich. Pfarrer Simon liegt zwischen den Bänken im Kirchenschiff. Meine Mutter schreit und lässt den Kuchen fallen. Pfarrer Simon ist bewusstlos. Meine Mutter ist hysterisch. Meine Hände zittern. Ich verwähle mich zweimal bei der 112. Ich bin nicht sicher, ob Pfarrer Simon überhaupt noch lebt. Sind jetzt alle seine Probleme gelöst?
„Schade“, sagt der Sanitäter und ich bin nicht sicher, ob er den Kuchen oder Pfarrer Simon meint. Am Ende bleibe ich allein in der Kirche zurück. Ich mache ein Foto von dem Kuchen, der pulverisiert vor einer Heiligenstatue liegt. Ich poste das Bild auf Instagram. „Das Pulver, das alle deine Probleme löst“, schreibe ich dazu.
Ich bin so lost.


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